Meine plastischen Einheiten: vielfarbige Kreise, Quadrate sind die Gegenstücke der Sterne, Atome, Zellen und Moleküle, aber auch der Sandkörner, Kiesel, Blätter und Blumen. Ich fühle mich der Natur viel näher als jeder Landschaftsmaler, ich treffe sie auf der Ebene ihres inneren Aufbaus, der Anordnung ihrer Elemente.”

aus: Victor Vasarely: Farbwelt. Wie ein kleiner mittelalterlicher Landflecken in der Provence sich in ein Zentrum für moderne kinetische Plastizität verwandelt. Hrsg. von Stefan Moses u. a. München 1973: S. 20.

Kunst für das Juridicum: Die Wandgestaltung von Victor Vasarely

Oberhalb des Haupteingangs wird das Juridicum von einem Kunstwerk bekrönt. Diese für öffentliche Bauten obligatorische Anbringung von "Kunst am Bau" wurde nach einem Entwurf des Künstlers Victor Vasarely geschaffen. Das breit gelagerte, 6 x 12 Meter messende Werk verschafft der Fassade einen hohen Wiedererkennungswert. 1969, zwei Jahre nach der Eröffnung, wurde das Kunstwerk angebracht.

In Feuer-Emaille-Technik gefertigt, besteht es aus mehreren Platten, die ineinander verschränkte Umrisse von Quadraten aufzeigen. In den Nicht-Farben Schwarz und Weiß gehalten, kontrastieren einzelne Linien miteinander und zeigen ein Geflecht aus Streifen in horizontaler und vertikaler Ausrichtung, deren unterschiedliche Längen innerhalb des entstandenen Bildes weitere Ebenen eröffnen. Streng geometrisch gestaltet, wirkt das Bild trotzdem als führe es ein Eigenleben: Die Hell-Dunkel-Kontraste scheinen sich zu verändern und lassen bei intensiver Betrachtung immer wieder neue Details und Formen erkennen und vermögen den Betrachter durch die Strukturen zu fesseln. Vasarely entwarf diese Arbeit eigens für das Juridicum. In seiner Gestaltung zeigt es jedoch Rückbezüge zu einer früheren Arbeit des Künstlers ("Rìu-Kìu"), welches er 10 Jahre zuvor schuf.

Victor Vasarely wurde am 9. April 1906 od. -08 (Geburtsjahr ist streitig) in Pécs (Ungarn) geboren. In den Jahren 1928‒29 studierte er an der Akademie Mühely, dem „Bauhaus von Budapest“ und zog 1930 nach Paris, wo er zunächst als (Werbe-) Grafiker arbeitete. Für seine künstlerische Entwicklung bedeutend ist das Jahr 1947, in dem er beschließt, seinen Schwerpunkt als Künstler ausschließlich auf konstruktiv geometrische, abstrakte Motive zu legen.

Vasarely gilt als „Vater der kinetischen Kunst“ – einer Richtung in der Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, für die er in den 1950er Jahren ein theoretisches Programm entwickelte. Die kinetische Kunst legt ihren Schwerpunkt auf die Auseinandersetzung mit Bewegung. Hierzu können Illusionen, optische Täuschungen, aber auch mechanische Apparaturen, die durch Wind, Wasser oder Maschinen angetrieben werden, gehören. Victor Vasarelys Werk zeichnet sich durch streng geometrische Gestaltungen aus, die dem Bereich der Grafik zugeordnet werden können. Durch das Spiel mit Farben, (Grund-) Formen und Kontrasten, aber auch den Bezug auf den umliegenden Raum stehen Vasarelys Arbeiten immer in einem direkten Austausch mit dem Betrachter und binden diesen an das Kunstwerk. Durch die eigene Bewegung des Betrachters bewegt sich auch die Kunst und zieht ihn durch ihren Facettenreichtum in ihren Bann.

Vasarely verstarb am 15. März 1997 in Paris.

In Zusammenarbeit mit der

Werkstatt Baukultur Bonn

c/o Kunsthistorisches Institut Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität

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Autoren:

Nataliya Demir-Karbouskaya,
Martin Bredenbeck,
Constanze Moneke,
Martin Neubacher.

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